Der verspätete Nikolaus

Der verspätete Nikolaus

Von am 25. November 2013
in Insights

Endlich Ferien! Voller Freude platziert Felix seine Schulbücher in der untersten Schublade seines Schreibtisches und rollt – als Zeichen seiner Entschlossenheit – demonstrativ den Plastiktraktor vor sein Pult. Der Durchgang zu allen Schulsachen ist somit versperrt – genau so hat sich das Felix vorgestellt. Nun saust er wie ein Tornado die Treppe hinunter, um schliesslich mit ausgebreiteten Armen und dem unüberhörbaren Geräusch eines Düsenjets direkt neben seinem Grossvater auf dem Sofa zu landen.

«Gehen wir morgen auf den Flugplatz, Opa?», fragt Felix zwischen zwei Atemzügen. «Morgen?», fragt der Grossvater verblüfft. «Nein, morgen hat es zu viele Leute.» Für einen kurzen Augenblick verwandeln sich die erwartungsvollen Augen des Jungen in zwei traurig schimmernde Lichter. Doch schon wenig später sprudelt es wieder aus ihm heraus: «Wir könnten in den Wald gehen und Körner und Äpfel für die Vögel mitnehmen.» Auch die Reaktion auf diesen Vorschlag folgt prompt: Es läge noch zu wenig Schnee, als dass es nötig sei, die Vögel zu füttern. «Gut, backen wir Lebkuchen und spielen Monopoly!», startet Felix einen weiteren Versuch. Doch auch diese Idee fällt auf unfruchtbaren, hart gefrorenen Winterboden. Erstens mache Lebkuchen dick und zweitens dauere das Monopoly viel zu lange. «Aber ich habe Ferien und ganz viel Zeit», will Felix erwidern. Doch statt noch etwas zu sagen, rutscht er vom Sofa und trottet in sein Zimmer.

Dort bleibt er. Erst eine Stunde, dann zwei Stunden, bis er gegen Abend endlich wieder hinunterkommt – verkleidet als Nikolaus. Anders als sonst setzt er sich nicht neben seinen Grossvater auf die Couch, sondern gegenüber in einen Ledersessel. Mit der Hand streicht er sich durch den etwas schief hängenden, weissen Bart und fragt mit ernster, tiefer Stimme: «Lieber Grossvater, ist dir heute Nachmittag etwas aufgefallen?» Der alte Mann schaut seinen Enkel verunsichert an und schüttelt wortlos den Kopf. «Egal, was ich dir vorschlage, und unabhängig davon, für welche Idee ich dich begeistern möchte – du findest mindestens 1000 Gründe, die dagegen sprechen.» Kaum hat Felix diesen Satz gesagt, erwidert der Grossvater mürrisch: «Und du hast immer einen Grund, warum man trotzdem etwas tun sollte!»

«Eben», sagt Felix mit ruhiger, liebevoller Stimme. Er lehnt sich in seinem Sessel zurück, schaut seinen Grossvater an und sagt noch einmal betont langsam: «Eben.» Nach einer Weile steht der junge Nikolaus auf, streckt seinem Grossvater die Hand entgegen und sagt: «Ich habe Äpfel und Körner für die Vögel bereitgelegt. Es hat zwar noch nicht viel Schnee im Wald und dunkel ist es auch schon. Zudem hat es eben angefangen zu schneien und du wirst deine Lieblingssendung verpassen.»

Noch immer steht Felix mit ausgestreckter Hand vor seinem Grossvater. Dieser schweigt eine Weile, räuspert sich und sagt schliesslich mit einem spitzbübischen Funkeln in den Augen: «Etwas frische Luft tut uns beiden alten Männern doch sicher gut, nicht wahr?»

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