Meli und die Freiheit

Meli und die Freiheit

Von am 22. Dezember 2014
in Business Women

Eine Weihnachtsgeschichte von Selina Luchsinger, die von einer ungeahnten Begegnung erzählt. Bunt, bezaubernd, berührend. Die Künstlerin Barbara Luchsinger, gibt mit ihrem Bild die Erzählung auf wundervoll verspielte Weise wieder. 

Herr Sollberger war das, was man einen distinguierten Herrn nennt. Er wohnte in einer stilvoll mit Designermöbeln eingerichteten Wohnung; er trug aus Prinzip nur Maßanzüge, aß und trank gerne gut und rauchte abends zur Entspannung eine Zigarre. Er hatte ein Antiquitätengeschäft in der Altstadt von Bremgarten, das gut besucht war. Wobei das eigentlich nicht wichtig war. Werner Sollberger, einziger Sohn aus reichem Haus, hätte gar nie selbst für sein Leben aufkommen müssen. Antiquitätenhändler war er eigentlich aus purer Langeweile geworden. Als Student (er hatte sich an der Universität Zürich für Philosophie und Archäologie eingeschrieben) wurde er spätestens bis zum Mittag der Vorlesungen überdrüssig. Danach setzte er sich in sein Jaguar-Cabriolet und fuhr ziellos über Land. Dabei kam er eines Tages eher zufällig an einem Bauernhof vorbei, auf dem neben alten Möbeln und Geschirr auch Werkzeug versteigert wurde. Fasziniert betrachtete er den alten Grümpel und ersteigerte sich zum Spaß einen Nachtstuhl samt Nachttopf.

Danach war er infiziert; er fuhr fast jeden Nachmittag über Land, klopfte bei Bauern an und erstand alte Tische, Bauernschränke, Stühle und Kommoden. Bald reichte der Estrich seines Elternhauses nicht mehr aus, um all die Möbel zu verstauen. So mietete er eine große, alte Scheune und suchte gleichzeitig einen Schreiner, der den arg heruntergekommenen Dingen zu neuem Glanz verhelfen konnte. Er fand ihn in Leo Schilbi; einem wortkargen, aber geduldigen Handwerker aus dem Zürcher Unterland, der die Möbel von Holzwürmern ebenso gründlich befreite wie von mehreren Generationen Farbe. Es waren die 70er-Jahre; die Zeit des Bauern-Retro-Schickes. Und Werner Sollberger wurde die alten Möbel ebenso schnell los, wie Leo Schibli sie restaurieren konnte. So schmiss er sein Studium, um sich ganz der Suche nach alten Dingen zu widmen. Ein Jahr später – er hatte seine Suche unterdessen vom Kanton Zürich in den Aargau ausgeweitet – machte er sein Geschäft in der Bremgarter Altstadt auf. Kurz darauf kaufte er sich auch eines der Altstadthäuser an bester Lage mit Terrasse auf die Reuss.

Vorfreude auf Weihnachten

Unterdessen lebte und arbeitete also Werner Sollberger seit über 30 Jahren in Bremgarten. Längst hatte er sich hier einen Freundeskreis aufgebaut, der aus Architekten, Künstlern und Intellektuellen aus der Gegend bestand. Zwar hatte er in den letzten vier Jahrzehnten auch einige Affären gehabt, sich aber nie fest gebunden. Er bezeichnete sich selber als zufriedenen Single, der sich nicht gerne anpasse und sich von niemandem einen andern Lebensrhythmus aufzwingen lassen wolle. Er hatte den guten Riecher für die alten Dinge, die gerade im Trend waren, bewahrt. Im Moment standen in seinem Geschäft fast ausschließlich antike Möbel aus China. Diesen würdigte Werner Sollberger am Abend des 1. Dezembers aber keines Blickes. Zufrieden begutachtete er stattdessen die Weihnachtskugeln in den Schachteln, welche sich an der Rückwand seines Abstellraumes stapelten. Diesmal hatte er wirklich besonders schöne Stücke aus Russland erstanden. Darauf setzte er sich in den alten Ohrensessel, der mit Blick aus dem Schaufenster auf die Hauptgasse stand, zündete sich eine Zigarre an und schaute den Schneeflocken zu, welche sich sanft auf die dunkeln Steine der Gasse setzten. Dabei umspielte ein glückliches Lächeln seine Lippen. Ab nächsten Donnerstag war Christkindli-Markt in Bremgarten. Darauf freute sich Herr Sollberger jedes Jahr. Denn an den vier Markttagen konnte er seinen Hang zum Kitsch voll ausleben. Direkt vor seinem Schaufenster baute er einen Stand auf, der über und über mit den verrücktesten und kitschigsten Weihnachtskugeln aus allen Herren Länder behangen war.

Herr Sollberger stand auf, um sich ein Glas Wein einzuschenken; einen hervorragenden Petite Arvine aus dem Wallis. Dabei hörte er, wie eine Horde Jugendlicher an seinem Laden vorbeizog. Sie grölten und johlten und schienen ziemlich betrunken zu sein. Er kümmerte sich nicht weiter darum, setzte sich wieder in den Sessel, genoss sein Glas Weißwein und die Zigarre und ging noch einmal in Gedanken still vergnügt die Kugelpracht durch.

Unerwarteter Besuch

Als das Glas leer war und die Zigarre aufgeraucht, beschloss Herr Sollberger, nach Hause zu gehen. Seine Haushaltsperle Sofia, eine fröhliche Portugiesin, hatte ihm – wie jeden Samstag, wenn sie seine Wohnung auf Vordermann brachte – ein paar selbst zubereitete Delikatessen da gelassen, die er nun nur noch aufzuwärmen brauchte. Also schlüpfte Herr Sollberger in seinen Wollmantel, setzte die Mütze auf und streifte die Lederhandschuhe über. Er öffnete die Tür, trat auf die Gasse hinaus – und wäre dabei fast über die junge Frau gestolpert, die da vor seinem Laden am Boden lag. Erschrocken wich Herr Sollberger zuerst einen Schritt zurück; dann bückte er sich beherzt zu ihr hinunter. Sie atmete, das sah er sofort – vor ihrem Mund bildeten sich kleine Wölkchen. Und sie stank nach Alkohol, das roch er sogar in der Kälte. Nun, hier draußen liegen lassen konnte er sie nicht gut. Sie würde erfrieren. Seufzend packte er sie unter Po und Armen an und hob sie hoch. Sie war erstaunlich leicht. Er trug sie in den Laden, legte sie auf das Sofa aus der Ming-Zeit und deckte sie mit seinem Mantel zu. Dann zog er Hut und Handschuhe aus, schenkte sich noch ein Glas Wein ein und setzte sich wieder in den Sessel am Fenster. Während Herr Sollberger darauf wartete, dass die junge Frau erwachte, betrachtete er sie. Das Mädchen war wunderschön. ‚Sie sieht aus wie Schneewittchen’, dachte er. Schwere, dunkel gelockte Haare, ebenmäßige feine Gesichtszüge und ein schön geschwungener, voller Mund.

Herr Sollberger wusste nicht, wie lange er da gesessen hatte, als sich das Mädchen endlich rührte. Sie schlug die Augen auf, sah sich erschrocken um, setzte sich auf und stöhnte: „Mir ist so schlecht!“ Herr Sollberger stand auf und half ihr zur Türe mit der Aufschrift WC. Er hörte sie würgen, dann ging die WC-Spülung und der Wasserhahn lief. Unsicheren Schrittes schlich sie zum Sofa zurück, zog die Beine an und zog zitternd den Mantel über sich. „Danke“, murmelte sie und schlug ihre Mandelaugen nieder. Herr Sollberger räusperte sich: „Schöne Kollegen hast du – die dich einfach im Schnee draußen liegen lassen!“ Sie blickte auf: „Das sind nicht meine Kollegen.“ Herr Sollberger zog die Augenbrauen hoch. „Ich habe sie erst heute Abend kennen gelernt.“ Sie zögerte. „Ich mache das sonst nicht – mit Jungs, die ich gar nicht kenne, rumziehen und Alkohol trinken. Aber heute war mir eh alles egal.“ „Aha“, sagte der ältere Mann, „soso. Und was wirst du jetzt tun?“ Sie hob die Schultern. „Ich weiß es auch nicht. Nach Hause zurück kann ich jedenfalls nicht mehr.“ „Und warum nicht?“ „Weil mein Vater mich sonst totschlägt.“ „Übertreibst du jetzt nicht ein wenig?“, fragte Herr Sollberger. „Vielleicht.“ Sie blickte ihn mit ihren dunklen Augen an, „könnte ich wohl die Nacht hier verbringen?“ Herr Sollberger gab sich einen Ruck. „Nein, hier bleiben kannst du nicht. Stell dir vor, was die Kirchgänger sagen würden, wenn sie dich morgen Früh auf dem Sofa in meinem Laden sähen! Die würden glatt die Polizei rufen. Aber du kannst mir beim Abendessen Gesellschaft leisten. Und danach kannst du immer noch entscheiden, ob du in meinem Gästezimmer übernachten willst.“ Das Mädchen nickte … und folgte ihm.

Aus Not entsteht Freundschaft

Als Herr Sollberger am Sonntagmorgen erwachte, lag bereits Kaffeeduft in der Luft. Während er duschte und sich anzog, dachte er noch einmal über den gestrigen Abend nach. Viel erfahren hatte er nicht über die junge Frau. Dass sie von allen Meli genannt werde, eine Lehre als Detailhandelsangestellte mache und dass sie andauernd Streit mit ihrem Vater habe, weil er ihr immer alles verbiete. Das war alles gewesen. Als Herr Sollberger in die Küche trat, war der Tisch bereits gedeckt. Meli stand am Herd. „Ich dachte, Sie mögen bestimmt einen Kaffee. Wollen Sie ein Ei?“ Herr Sollberger setzte sich an den Tisch. „Junge Frau, Sie haben bereits meine Küche in Beschlag genommen.“ Sie lächelte scheu. „Also gut, ich nehme ein vier Minuten-Ei.“ Während die zwei frühstückten, fragte Herr Sollberger: „Und was wirst du jetzt tun?“ Meli zog wieder einmal die Schultern hoch. „Ich habe keine Ahnung.“ „Hast du denn niemanden, zu dem du gehen kannst – vorübergehend, bis sich der Streit mit deinem Vater gelegt hat?“ „Nein. Denn bei meinen Freundinnen sucht er mich zuerst.“ „Verstehe“, sagte Herr Sollberger, „wann musst du denn wieder zur Arbeit?“ „Am Dienstag“, sagte Meli, „könnte ich so lange hier bleiben? Ich störe auch gar nicht und ich kann gut kochen.“ Herr Sollberger schaute sie streng an: „Also gut, aber nur bis Dienstag.“

Die zwei Tage vergingen wie im Flug. Herr Sollberger hatte einiges zu tun in seinem Geschäft; Vorbereitungen für den Christkindli-Markt. Derweil schmiss Meli wie selbstverständlich den Haushalt und zauberte aus seinen Vorräten im Kühlschrank orientalisch anmutende Gerichte. Sie erzählte nicht viel; ein bisschen von der Lehre, die sie mochte und von ihren Freundinnen, die entweder in die Kantonsschule gingen oder auch eine Lehre machten. Herr Sollberger erfuhr zudem, dass Meli türkischer Abstammung war, noch eine kleinere Schwester und einen jüngeren Bruder hatte – mehr aber auch nicht. Dafür schien sie sich echt für seine Antiquitäten zu interessieren. Und als Herr Sollberger ihr seine Weihnachtskugeln-Sammlung zeigte, nahm sie die glitzernden Teile geradezu andächtig aus der Schachtel.

Am Montagabend, nach dem Essen, erhielt Herr Sollberger einen Anruf von Frau Huber, der treuen Seele, die ihm – seit dem ersten Christkindli-Markt vor 18 Jahren – beim Weihnachtskugeln-Verkauf half. „Es tut mir so Leid, Werner“, schluchzte sie, „aber ich habe mir das Bein gebrochen. Ich kann dir am Markt unmöglich helfen.“ Beruhigend murmelte er: „Ersatz wird sich schon finden lassen.“ Als er auflegte, war er sich dessen jedoch gar nicht sicher. Halb Bremgarten half bereits am Markt mit – ob sich da so auf die Schnelle jemand finden ließe? Meli schaute fragend vom Abwasch auf: „Stimmt etwas nicht?“ Und so erzählte ihr Herr Sollberger von seinem Personalengpass. „Ich könnte doch helfen“, sagte Meli. „Und die Lehre?“, fragte er. „Ich kann die Chefin ja anrufen und fragen, ob sie mir nächste Woche frei gibt. Ich habe eh noch Ferien zugute.“ „Das würdest du tun?“ „Ja, wenn ich dafür noch hier wohnen kann…“ „Okay“, sagte er, „dann rufst du am Besten gleich an.“

Und so blieb Meli auch in der Folgewoche bei Herrn Sollberger. Den Leuten erzählten sie, das Mädchen sei die Tochter einer Kusine, die bei ihm ihre Ferien verbringe. Seine Kollegen frotzelten: „Diese Schönheit hast du uns so lange vorenthalten!“ Aber stutzig wurde keiner; Herr Sollberger war schon immer ein privater Mensch gewesen, von seiner Familie wusste niemand Genaueres. Die Vorbereitungen für den Markt liefen auf Hochtouren – und Meli half mit, Preisetiketten zu schreiben und Kugeln zu sortieren. Zudem übernahm sie auch weiterhin Einkauf und Küche, was Herrn Sollberger beglückte. Das Putzen solle sie aber gefälligst sein lassen, beschied er ihr, dafür habe er schließlich Sofia. Des Abends, nach dem Essen, setzte sie sich an ihren Computer, um mit ihren Freunden zu chatten und Herr Sollberger las ein Buch.

Christkindli-Markt in Bremgarten

Am Donnerstag dann bauten sie den Stand auf und dekorierten ihn mit Ästen, von denen die bunt glitzernden Kugeln hingen. Das Geschäft mit den Christbaumdekorationen lief auch dieses Jahr wie geschmiert – die Leute rissen den beiden die russischen Vögel und Bären, die Elche und Hasen aus farbigem Glas fast aus den Händen. Meli und Herr Sollberger arbeiteten Seite an Seite; berieten, kassierten ein und verpackten Hunderte von Kugeln. Wenn Herr Sollberger einmal fünf Minuten zum Durchatmen hatte, dann musste er sich eingestehen, dass er noch nie mit jemandem so viel Zeit auf so engem Raum in so harmonischer Zweisamkeit verbracht hatte.

Am Sonntagabend, als der Rummel vorbei und die letzten Kugeln wieder sicher in der Abstellkammer verstaut waren, bestand Herr Sollberger darauf, Meli zum Essen auszuführen. In der Linde in Büttikon saßen sie müde, aber zufrieden am Fenster und blickten ins Tal hinunter. „Und nun?“, fragte Herr Sollberger, während er ein Stück Rindsfilet auf die Gabel hob, „was wirst du tun?“ Meli zuckte wieder einmal mit den Schultern. „Du kannst doch nicht ewig von daheim fern bleiben“, sagte er, „das kann ich nicht verantworten.“ Sie schaute ihn mit ihren großen, dunklen Augen lange an. „Ich kann nicht mehr zurück nach Hause. Verstehen Sie denn nicht…“ „Ist der Streit mit deinem Vater denn so schlimm?“ „Es ist nicht nur der Streit. Es ist – ich ersticke dort. Ich bin 18; erwachsen, aber das interessiert ihn nicht. Mein Vater wird mir nie mehr Freiraum gewähren, bis ich an einen Mann vergeben bin. Nie!“, stieß sie heftig hervor. „Okayokay“, sagte Herr Sollberger mit besänftigender Stimme, „aber du kannst auch nicht bei mir bleiben. Wahrscheinlich komme ich in größte Schwierigkeiten, indem ich dich einfach so bei mir aufnehme.“ „Geben Sie mir noch eine Woche“, bat Meli. Herr Sollberger seufzte. „Also gut, noch eine Woche.“

Stiller Abschied

Und so blieb Meli also auch in der Folgewoche bei Herrn Sollberger; mit dem Unterschied, dass sie nun früh morgens aus dem Haus ging und erst gegen 20 Uhr zurückkam. Sie war wortkarger als sonst, wenn sie zusammen das einfache Abendmahl einnahmen, das nun Herr Sollberger zubereitete. Er merkte selber, wie die Unruhe in ihm von Tag zu Tag stieg. So viel Nähe zu einer Person – das war er sich einfach nicht gewohnt. Und dann erzählte sie so wenig, schwieg nun die meiste Zeit. Dem guten Schweigen der Vorwochen war eine angespannte Stille gewichen. Das hielt er beim besten Willen nicht mehr aus! Am Donnerstagabend platzte ihm der Kragen. Als sie so still beim Essen saß, fuhr er sie an. Er sei ein Single aus Überzeugung und sie müsse ja nicht glauben, dass sie dann noch eine Woche bleiben können und dann noch eine. Er habe jetzt genug und spätestens am Sonntag müsse sie eine neue Lösung gefunden haben. Meli stand auf und sagte, sie habe verstanden. Dann räumte sie schweigend den Tisch ab, machte die Küche und verschwand in ihr Zimmer. Herr Sollbergers Wut verrauchte so schnell wie sie gekommen war. Aber an diesem Abend mochte er auch nicht mehr bei ihr anklopfen und sich entschuldigen. Er würde das dann am nächsten Tag tun. Und dann könnten sie ja vielleicht zusammen darüber nachdenken, wie es mit ihr weitergehen könnte.

Am Freitagabend bereitete Herr Sollberger ein aufwändiges Abendessen vor – Lammgigot und Bratkartoffeln mit Gemüse – als Wiedergutmachung sozusagen. Er machte einen seiner Chateaux Latour auf, obwohl sie wahrscheinlich den Unterschied gar nicht merkte. Und dann wartete er auf Meli. Aber sie kam nicht. Um 20 Uhr nicht und auch nicht um 20.30 Uhr. Lustlos stocherte er in seinem Essen herum – und als sie um 21 Uhr immer noch nicht aufgetaucht war, öffnete er ihre Zimmertüre. Das Gästezimmer war leer, das Bett abgezogen. Ein Zettel lag auf dem Tisch. „Lieber Herr Sollberger. Vielen Dank für alles, was Sie für mich getan haben. Und entschuldigen Sie, wenn ich Ihnen zu viele Umstände machte. Mir hat die Zeit bei Ihnen gut getan. Eine schöne Adventszeit wünscht Ihnen Meli.“ – Herr Sollberger war wie vor den Kopf gestoßen. Sie war weg, einfach fortgegangen. Er setzte sich mit dem Brief und einem Glas Wein auf seine Chaiselongue und blickte zum Fenster hinaus aufs dunkle Wasser der Reuss. Eigentlich hätte er ja jetzt erleichtert sein sollen. Aber das war er nicht. Er war seltsam angespannt. „Ich mache mir Sorgen um sie!“, stellte er mit Erstaunen fest.

Herr Sollberger schlief unruhig in dieser Nacht und als Sofia am nächsten Tag auftauchte und ganz verdutzt fragte, ob die Nichte denn schon abgereist sei; sie habe ihr doch noch dieses Kuchenrezept versprochen… da wusste Herr Sollberger, dass er sie suchen musste. Nur, dieses Unterfangen erwies sich als hoffnungslos, wie er sehr schnell merken musste. Er selber kannte ja nur ihren Übernamen, Meli. Er wusste nicht, wie sie richtig hieß – Melanie wohl kaum. Er hatte keine Ahnung, wo sie wohnte; wusste nicht einmal, wo sie arbeitete. Darüber hatte sie nichts erzählt und er hatte auch nicht gefragt. Er ließ sich sogar dazu herab, in den zwei Pubs und vor dem Kebab-Stand, wo die Jungen herumlungerten, zu fragen. Aber keiner wusste mehr als er. Am Sonntag bereits hatte er keine Idee mehr, wie er sie finden könnte.

Hoffnung auf ein Wiedersehen

Am Montag schrieb er Rechnungen. Er ertappte sich abends dabei, dass er immer wieder zur Türe hin horchte, ob sich wohl leichte Schritte näherten. Irgendwann legte er den Kram seufzend beiseite und schenkte sich ein Glas Wein ein. Hatte er denn wirklich schon alles versucht? Da fiel ihm das mit Facebook ein. Vielleicht fände er sie ja auf diesem Weg. Und so machte Herr Sollberger in seinem hohen Alter von 56 Jahren ein Facebook-Account auf, in der Hoffnung, Meli aufzuspüren. „Ich suche meine Nichte Meli“, postete er, „sie ist 18 Jahre alt und sieht aus wie Schneewittchen. Ich mache mir Sorgen um sie.“ Mein Gott, dachte er, ich klinge wie ein Spanner. Wenn das nur keiner meiner Kollegen sieht…

Aber keiner reagierte auf seinen Suchaufruf – weder die Kollegen noch sonst irgendjemand, der Meli kannte. Geschweige denn Meli selber. Die Tage vergingen. Weihnachten rückte näher und Herr Sollberger war sehr beschäftigt; es schien, als wollte das halbe Freiamt dieses Jahr jemandem eine chinesische Antiquität schenken. So war er abgelenkt. Zudem gab es zu dieser Zeit immer viele Apéros, Konzerte und Vernissagen, bei denen der distinguierte Ladenbesitzer ein gern gesehener Besucher war. Aber spät abends, wenn Herr Sollberger nach Hause kam, musste er oft an die junge Frau denken, mit der er so harmonisch zusammen gearbeitet und gewohnt hatte. Auch wenn sie nicht viel gesprochen hatten, war da eine Vertrautheit gewesen. ‚Eigentlich sind wir uns ähnlich, sie und ich’, dachte Herr Sollberger an einem dieser Abende, als er wieder mal über Meli sinnierte, ‚wir reden nicht viel über persönliche Dinge, wir essen gerne gut und wir können auch gut zusammen schweigen.“ Er, der nie Vater gewesen war, musste sich eingestehen, dass er wohl so was wie väterliche Gefühle für diese junge Frau empfand – und dass er sie vermisste.

Weihnachten kam. Herr Sollberger verbrachte heilig Abend, wie immer, bei einem ausgezeichneten Essen mit seinen besten Freunden Karl und Werni – ein schwules Architektenpaar, das ein Loft in Wohlen besaß. Als er lange nach Mitternacht nach Hause kam, lag eine Tüte auf seinem Türvorleger. Darin befand sich eine Schachtel selbst gemachter Pralinés und eine Weihnachtskarte. „Ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten, Herr Sollberger, und alles Gute zum Neuen Jahr. Ich denke oft an die schöne Zeit bei Ihnen! Viele liebe Grüsse, Meli.“ ‚Verdammt’, dachte er, ‚ich habe sie verpasst.’ Und er fragte sich, wie es ihr wohl gehe, ob sie wieder Frieden gemacht hatte mit dem Vater – und wenn nicht, was sie dann tue…

Der Weg in die Freiheit

Am 25. besuchte Herr Sollberger seine Eltern, am 26. machte er einen Ausflug nach Genf, eine alte Studienfreundin besuchen. Und ab dem 27. war er wieder in seinem Geschäft. Am Samstag, dem 29., war er nach Ladenschluss noch eine Weile beschäftigt. Er musste bei seinen chinesischen Lieferanten unbedingt neue Möbel bestellen. Sein Lager war quasi leer. Dann setzte er sich zufrieden in seinen Ohrensessel am Fenster, ein Glas Weißen in der einen und eine Zigarre in der andern Hand, und schaute hinaus ins Dunkel der Nacht. Auch an diesem Abend schneite es in dicken Flocken. Wie er da saß, meinte er, ein Pochen an der Ladentüre zu hören. Verwundert blickte er nach hinten. Tatsächlich – da war jemand vor der Türe. Er öffnete sie und da stand Meli. Erfreut bat er sie hinein – und erst als sie im Licht des Ladenlokales stand, sah er ihr Gesicht deutlich. Ihre wunderschönen Züge waren entstellt; das eine Auge komplett zugeschwollen, die Lippen aufgeplatzt, die Alabasterhaut über der Wange grün und blau, am Hals hatte sie rote Male. „Mein Gott, Meli“, entfuhr es ihm, „was ist geschehen?“ Sie setzte sich aufs Sofa und zog die Schultern hoch. „Kann ich vielleicht auch ein Glas Wein haben?“, fragte sie. „Natürlich, entschuldige meine Manieren!“ Flugs brachte er ihr ein volles Glas. „Prost!“, sagte sie. „Prost!“, erwiderte er. Dann nippten sie eine Weile schweigend an ihren Gläsern.

Irgendwann begann Meli zu erzählen. Nachdem sie bei Herrn Sollberger gegangen war, sei sie bei verschiedenen Freundinnen untergekommen; immer nur ein, zwei Tage am gleichen Ort, damit der Vater nicht erführe, wo sie sei. Doch eines Tages passte er ihr vor dem Volg, in dem sie arbeitete, ab. Er verfolgte sie und sprach sie dann vor der Haustüre ihrer Freundin an. Sie müsse nach Hause zurückkommen, die Mutter bringe sich sonst um. Er überredete sie, mit zu kommen, versprach, alles in Ruhe zu bereden. Um eine Szene vor dem Haus der Freundin zu vermeiden, sei sie in sein Auto gestiegen. Zu Hause sei es genau so heraus gekommen, wie sie befürchtet habe, sagte Meli. Der Vater sei völlig ausgerastet, habe gesagt, er habe jetzt genug, er werde sie in der Türkei verheiraten. So lange werde er sie zu Hause einsperren. Die Mutter habe nur geweint und geschwiegen. Meli habe erwidert, das lasse sie nicht zu – sie sei eine erwachsene Frau. Als sie aufgestanden sei, habe er sie gepackt und begonnen, mit den Fäusten auf sie einzuschlagen, sie gewürgt. Die Mutter sei nur da gesessen und habe weinend zugeschaut. Als sie am Boden lag, habe er Meli mit den Füssen traktiert. Irgendwie habe sie es geschafft, sich von ihm weg zu drehen und aufzustehen. Anstatt weg zu rennen, habe sie den nächstbesten Gegenstand – eine Vase – gepackt und dem Vater über den Schädel gezogen. Der sei zu Boden gegangen; dann habe er zu weinen begonnen. „Du wirst mich nie mehr schlagen!“, habe Meli gesagt, und dann sei sie fort gelaufen – zu einer Freundin. Deren Eltern hätten sie in den Notfall gebracht und die Polizei angerufen.

„Und jetzt?“, fragte Herr Sollberger atemlos. Meli zog wieder einmal die Schultern hoch. „Ich weiß nicht so genau“, meinte sie zögernd, „ich weiß nur, es ist vorbei. Er hat keine Macht mehr über mich.“ Dann lächelte sie ihr scheues Lächeln. „Hast du schon etwas gegessen?“, fragte Herr Sollberger. „Nein, aber ich habe einen Bärenhunger!“ Herr Sollberger erhob sich. „Gut, dass Sofia mir immer so viele Köstlichkeiten da lässt!“

Zwei Stunden später, als sie nach dem Abwasch noch bei einer Tasse Espresso saßen, sagte Meli: „Danke übrigens, dass Sie mich via Facebook gesucht haben.“ „Was, du hast es gesehen und dich nicht gemeldet?“ „Habe ich doch“, erwiderte sie, „ich habe Sie an Weihnachten besucht, aber Sie waren nicht da.“ „Hmmm, stimmt“, brummelte er. Dann erhob er sich: „Du weißt ja, wo dein Zimmer ist.“ „Darf ich hier übernachten?“, fragte Meli. „Ja, aber nur, wenn du mir versprichst, dass du nicht einfach verschwindest, bevor wir alles Weitere besprochen haben!“ „Versprochen!“ Sie lächelte ihr Meli-Lächeln. Dann drückte sie ihm einen Kuss auf die Stirn und verschwand in ihrem Zimmer.

Die Aargauer Psychologin und Journalistin Selina Luchsinger schreibt in ihren zwölf Weihnachtsgeschichten über das Zusammentreffen von Menschen; alten und jungen. Barbara Luchsinger nimmt jeweils die Kernaussage der Erzählung auf und verwebt diese mit den kulturellen Elementen, die darin vorkommen. 
Die Weihnachtsgeschichten sind erhältlich unter www.atelier-mana.ch oder www.shop.dsag.ch.

 

 

 

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